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Spaziergang über'n  Friedhof

 

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Ab und an mache ich das schon mal. Schließlich will ich meinen letzten Wohnsitz zu Lebzeiten begutachten. Bisher dachte ich, meine Wohnung mit 80 qm Wohnfläche sei teuer. Im Vergleich zu einer Grab- oder Urnenstätte ist sie jedoch geradezu billig. Garantiert ist lediglich der Mietvertrag.

Zwanzig Jahre darf ich ungestört in meiner Gruft verbringen. Es wird langweilig werden. Kein Telefon, kein Internet, kein morgendlicher Weg zum Bäcker, keine Kehrwoche, ja nicht einmal zu einem kleinen Flirt werde ich Gelegenheit bekommen. Gut, anfangs werden sich ein paar Verwandte um die

Grabblumen kümmern, aber nur in den ersten Tagen.

Fortan kommt nur ab und zu meine Witwe oder seltener eines meiner Kinder zu Besuch. Und ich kann sie nichtmal sehen, geschweige denn sprechen. Wenn ich trotzdem wage, den Mund

aufzumachen, fallen mir sofort ein paar Grundbröckelchen oder gar hungrige und kitzelnde Würmer in denselben. Also schweige ich beharrlich. Was mir in meinem jetzigen noch lebenden Zustand enorme Schwierigkeiten bereiten würde.

Meine grösste Sorge ist, dass ich als letzter meiner Altersgenossen und bisherigen Wegbegleiter den Weg ins Jenseits antreten müsse. Kein Mensch würde mich auf meinem Weg begleiten oder mir vom Nebengrab geklaute Blumen hinterher werfen.

Den Gefallen tue ich denen nicht! Nein, ich habe beschlossen, vor den heuchlerichen und schadenfrohen Typen zu sterben. Ich möchte sehen und hören, wie sie nach meiner Witwe gieren.

Ich merke, werte Leserin, lieber Leser, ich übertreibe.  

Zurück zu meinem Spaziergang. Manche und manchen der Namen auf den Grabsteinen habe ich persönlich gekannt.

Je nachdem, wie nah die Bekanntschaft war, je nachdem, ob es etwas Gutes oder Schlechtes war, was man den Toten schon zu Lebzeiten mehr oder weniger offen nachsagte, die Verweildauer richtet sich danach.

Hier zum Beispiel ruht ein ehemaliger Schulkamerad von mir. Seine Nachkommen behaupten, so steht geschrieben, in Gott. Seit über einem halben Jahrhundert hat den kein Pfarrer in der Kirche gesehen. Aber es liest sich gut. Garantiert einentraurigen Blick des Betrachters.

Manch Tränchen kullert über der Nachbarin Wangen. Manchmal stellt sie verstohlen ein kleines Blümchen in die Vase.

 

Das Nebengrab ist in Gänze mit einer Platte bedeckt. Wahrscheinlich dachten die Angehörigen, dies verhindere die Auferstehung. Der Brunnen und die an einem Geländer angebrachten Gießkannen erregen meine Aufmerksamkeit. Manche

dieser Ketten sind angekettet und mit einem Schloss gesichert. Obwohl genügend dieser nützlichen Dinger vorhanden, glauben scheinbar doch einige, eigene Gieskannen verwenden zu müssen. Vielleicht fürchten sie eine Ansteckungsgefahr, oder es ist genau das Utensil, mit dem der nunmehr Leblose zu Lebzeiten seine Lieblingsblumen im heimischen Garten befeuchtet hat.

Langsam versammelt sich eine Trauergemeinde vor der Halle. Standen früher die Herren in dunklen Anzügen mit schwarzer Krawatte, die Damen ganz in Schwarz gehüllt auf die Angehörigen wartend , manchmal schwitzend, manchmal zitternd vor Kälte vor dem Eingang, so ist es heute erlaubt, auch mit etwas gelockerter und hellerer Kleidung zu erscheinen.

Je nach Bekanntheitsgrad des Verstorbenen wird der Raum geradezu erstürmt, teils aus Neugier, was man denn noch so erfahren könnte, teils um noch einen Sitzplatz zu bekommen. Im heutigen Fall ist es ein ehemaliger weit über die

Grenzen seines Heimatdorfes bekannter Politiker, der der Trauergemeinde in einem üppig verzierten Eichensarg als letzte Behausung präsentiert wird.

Seine Witwe bestand auf Eiche, dies sei gesünder als Fichte, meinte sie.

Nun braucht man ja bei einer im öffentlichen Leben gestandenen

Persönlichkeit nur den bisher zu jedem Jubiläum gehaltenen Reden nur einiges hinzuzufügen. Da der Verstorbene dies alles schon kannte, hörte er erst gar nicht hin. Seine Parteifreunde - eine ganz besondere Art von Freunden - trauerten um einen unersetzlichen Mitstreiter, politische Gegner zollten ihm Respekt, er konnte ihnen ja nun nicht mehr widersprechen.

Zahlreichen Vereinsvertretern wurde ebenfalls eine einminütige Redezeit zugestanden. Bisher wussten diese stets, wann und wie viel sie an Spenden aus dem Etat des von ihnen Gegangenen erwarten durften. Misstrauisch beäugen

sich die Funktionsträger, wie es wohl weitergehen würde.

Ach ja, ein paar wirklich Trauernde, die Familie, gibt es auch. Sie sitzen schluchzend in der ersten Reihe.

Ich habe genug und entferne mich langsam Richtung Ausgang. Dort treffe ich Frau Müller. " Ich stell meinem Mann noch schnell ein paar Blumen aufs Grab, er hatte sie ja so gerne".

 

So wie ich den ollen Müller kannte, liebte er nur die Blume auf einem frischen Pils.

                                                                                       © by KUK